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Frühlingsdüfte, Bauernsang,
Marschmusik und Trauerklang,
Liebeslieder, Geisterstunden,
gutgelaunte Trinkerrunden,
Höllenritt und Nymphentanz,
Himmelfahrt und Teufelsschwanz,
Träumerei und Engelschor
und mittendrin
ein »armer Tor«.

Romantik, Fantasy, Drama, Komik – in Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ („Fausts Verdammnis“) steckt all das, aus dem man heute einen großen Blockbuster machen würde.

Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch formal ist dieses Riesenwerk ein revolutionärer Rundumschlag. Berlioz hat es für ein fast hundertköpfiges Orchester, vier Solosänger (Sopran, Alt, Tenor und Bass), einen siebenstimmigen Chor und einen Knabenchor komponiert. Bei einer Aufführung stehen also ca. zweihundert Musiker auf der Bühne!

Darüber hinaus hat er in der „Damnation“ verschiedene musikalische Formen wie Symphonie, Oratorium, Oper und Ballett auf eine im wahrsten Sinne des Wortes »unerhörte« Weise miteinander verbunden. Die nagelneue Form, die dabei entstanden ist, hat er selbst „dramatische Legende“ genannt. Sie vereint tosende Orchestertutti mit bezaubernden Arien, mitreißenden Märschen, beschwingten Tänzen und herrlichen Chören – eine Mischung, die man ganz selten in einem einzigen Werk findet.

Was bringt jemanden dazu, alle formalen Konventionen seiner Zeit zu überwinden und künstlerisch nach den Sternen zu greifen? In Berlioz‘ Fall war es – das wird manchem Schüler von heute zunächst wenig nachvollziehbar erscheinen – die Begeisterung für Goethes Faust. In seinen spannenden Lebenserinnerungen („Mémoires“, 1870) erinnert er sich noch lebhaft des tiefen Eindrucks, den der Faust auf ihn gemacht hat: „Dieses wunderbare Buch bezauberte mich vom ersten Anfang an; ich legte es nicht mehr aus der Hand; ich las unaufhörlich darin, beim Essen, im Theater, auf der Straße, einfach überall.“

In dieser Euphorie begann er mit der Komposition und war nach der Vollendung sicher, einen großen musikalischen Triumph errungen zu haben. Umso enttäuschter war er, als das Stück beim Publikum durchfiel, seine Aufführung zu einem finanziellen Fiasko wurde und sich schon bald niemand mehr dafür interessierte. „Nichts in meiner Künstlerlaufbahn hat mich tiefer verletzt, als diese unerwartete Gleichgültigkeit“, so steht es in seinen Lebenserinnerungen. Triumph und Tragödie, hochfliegende Begeisterung und bestürzende Enttäuschung liegen im Leben und gerade in der Kunst eben oft sehr nah beieinander. Heute gilt die „Damnation“ als Meisterwerk und ihre Aufführung stellt einen Höhepunkt in der Saison 2015|16 des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin dar.