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Junge Deutsche Philharmonie
Jörg Widmann Leitung & Klarinette

Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Jörg Widmann


Jörg Widmann gehört zu den aufregendsten und vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Als einer der führenden Solo-Klarinettisten weltweit, Komponist und Dirigent schafft er neue Begegnungs- und Entdeckungsräume, in denen die Auseinandersetzung mit Komponisten und Werken vergangener Epochen eine wichtige Rolle spielt.

Im Jahr 1824 schrieb der damals 15-jährige Mendelssohn Bartholdy seine Sonate für Klarinette und Klavier, deren Mittelsatz Widmann 2016 neu bearbeitete und in eine eigenständige Version für Streichorchester, ergänzt durch Harfe und Celesta umwandelt. Das Werk beginnt mit einer – Mendelssohn-typischen – durch große Klarheit geprägte und stetig zwischen Melancholie und Überschwang hin- und herwechselnde Klarinettenpassage, der statt durch das begleitende Klavier im Original nun ein Streichorchester die Basis gibt. Der besondere Klang der Celesta; ein Instrument das als „Tastenglockenspiel“ bezeichnet 1886 und damit nach Mendelssohns Zeit überhaupt erst erfunden wurde, kommt dabei zwar selten, dafür aber umso interessanter im Stück hinzu: Gegenüber der gesanglich, fast Wiegenlied-lieblichen Klarinettenlinie und dem oft gezupften Klangteppich aus Streicher- und Harfenklang setzen Celesta sowie eine zart heraustretende Solo-Violine immer wieder reflektierende Akzente. Gesang und Klarinettenklang gelten allgemein als eng verwandt: In diesem fein-gesanglichen und fast zerbrechlich leisen Thema Mendelssohns, dessen Effekt Widmann durch seine neue Instrumentation noch verstärkt, kommt diese Verwandtschaft eindrucksvoll zur Geltung und kann so ihre ganze Schönheit entfalten.

„In mir paukt und trompetet es seit einigen Tagen sehr (Trombe in C); ich weiß nicht, was daraus werden wird“, schreibt Robert Schumann am 20. September 1845 an seinen Kollegen Felix Mendelssohn Bartholdy. Vielleicht waren es die ersten Ideen zur C-Dur Sinfonie – schließlich beginnt die zweite Sinfonie Schumanns, die er zum Jahresende 1845 in nicht weniger als 12 Tagen skizzierte und schließlich über ein Jahr lang instrumentiere und bearbeitete, doch mit exakt solchen C-Dur Trompetenklängen. Schumann, der 1828 zunächst als Jura-Student an die Universität Leipzig kam, bewunderte den gleichaltrigen und umjubelten Mendelssohn, der zu der Zeit sowohl als Klaviervirtuose wie Dirigent und Komponist frenetisch gefeiert wurde und neue Maßstäbe für die gesamte Epoche der Romantik setzte. Mendelssohn kam 1835 als neuer Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses in die Stadt und prägte diese fortan maßgeblich. Er war es auch, der wenige Jahre vor seinem Umzug nach Leipzig mit einer Aufführung von J.S. Bachs „Matthäuspassion“ in Berlin dafür sorgte, dass der zwischenzeitlich völlig in Vergessenheit geratene Barockkomponist wiederentdeckt und fortan intensiv von allen Komponisten der Romantik studiert wurde. So auch Schumann: Im unmittelbar vor der 2. Sinfonie angrenzenden Jahr 1845 widmete er sich fast ausschließlich dem Studium der Bach’schen Kontrapunktlehre, da ihm eine kompositorische Krise schwer zu schaffen machte. Nach Schumanns bis dato erfolgreichstem Werk, dem weltlichen Oratorium „Das Paradies und die Peri“, erlitt er 1844 einen vollständigen physischen und psychischen Zusammenbruch, der ihm das Komponieren fast unmöglich machte. In einem Brief an einen Hamburger Musikdirektor schreibt Schumann: „Die Symphonie schrieb ich im December 1945 noch halb krank; mir ist’s, als müsste man ihr dies anhören.“ Während die zeitgenössische Musikkritik noch zögerlich auf das Werk reagierte, gilt es heute als ein ganz besonderes Werk Schumanns: Die meisterhafte Einarbeitung Bach’scher Techniken in dieser Sinfonie gelten als Paradebeispiel einer schöpferischen, nicht sklavisch kopierenden Aneignung Bachs in der Romantik. In selbem Sinne finden sich weitere Parallelen zur klassischen Sinfonik Beethovens, Mozarts sowie Schuberts, in deren sinfonischer Tradition das Werk anschließt.

Der zweite Teil des Konzertabends der Jungen Deutschen Philharmonie widmet sich einem großen Orchesterwerk Jörg Widmanns: Mit der Messe für Orchester, einem Auftragswerk der Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann, widmet er sich 2005 einem Werk, mit dem er sich nicht nur einer der wichtigsten Gattungen der Musikgeschichte annimmt, sondern auch seine Trilogie von Orchesterwerken, die aus den weiteren Werken „Lied“ (2003) und „Chor“ (2004) besteht, vollendet. Das Werk projiziert vokale Musik auf instrumentale Besetzung: „Kein Sänger und kein Chor treten dort auf; das Orchester selbst singt, rezitiert und deklamiert. (...) Die Musiker selbst sind die Protagonisten: Soli, Chor und Orchester in einem.“, beschreibt Widmann selbst. Die Herausforderung dieser Komposition war für Widmann die enge und strenge Form einer Messe. Diese seit Jahrhunderten festgelegte Abfolge von Messteilen mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei fordert seit jeher Komponisten heraus und hat einige der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte, wie J.S. Bachs h-Moll Messe, die „Krönungsmesse“ von Mozart, G.Rossinis „Petite Messe solennelle“ oder auch die 1852 entstandene „Missa Sacra“ von Schumann hervorgebracht. Widmann entscheidet sich in seiner Messe für fünf große Teile, in denen ein neu zugefügter Schlusssatz „Exodus“ die eigentlich üblichen und ausdrücklichen Gotteslob-Messteile Sanctus, Benedictus und Agnus Dei ersetzt. Damit sprengt er den historisch vorgegebenen Rahmen, füllt ihn zugleich mit neuen Zwischenformen und konzentriert sich dabei inhaltlich auf den nach Erbarmen rufenden Menschen: Der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch ist Thema der – nach der pompös erklingenden Eröffnung – einleitenden Monodia, einer fast zehnminütigen nackten Einstimmigkeit, die fortführt in eine Messe, die sich letztlich um den Widerspruch, Kampf und vielleicht unvereinbaren Gegensatz von menschlichem und göttlichen Prinzip im 21. Jahrhundert dreht.